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Vitamin Ratgeber
Ratgeber, Vitamine verstehen

Fünf Übergaben bis ins Blut: Warum Vitamin B12 einen so langen Weg hat

Ein Ei enthält Vitamin B12. Damit dieses Vitamin aus dem Ei bis ins Blut gelangt, arbeiten Magen, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm zusammen. Bevor ein Molekül aus der Mahlzeit im Blut ankommt, muss es mehrfach den Besitzer wechseln, ähnlich einem Staffellauf, bei dem jeder Stab genau in die richtige Hand gelegt werden muss. Ist einer dieser Schritte gestört, kann die Aufnahme erheblich sinken, selbst wenn der Teller reichlich davon enthielt. Diese Besonderheit erklärt, warum B12 in der Ernährungsdiskussion so oft auftaucht, bei Veganerinnen und Veganern ebenso wie bei älteren Menschen oder bei Personen mit bestimmten Magen- und Darmerkrankungen.

Erste Übergabe: aus dem Eiweiß lösen

In Lebensmitteln liegt B12 überwiegend an Proteine gebunden vor. Im Magen sorgen Salzsäure und das Enzym Pepsin dafür, dass es sich aus dieser Bindung löst. Wer über längere Zeit stark säurehemmende Medikamente einnimmt oder eine Schleimhautentzündung des Magens hat, bei der die säurebildenden Zellen schwinden, löst weniger B12 aus der Nahrung heraus. Das ist ein Grund, warum die Aufnahme im Alter häufiger nachlässt, auch wenn die Ernährung unverändert bleibt.

Zweite und dritte Übergabe: Begleiter im Magen und Dünndarm

Frei gewordenes B12 wird zunächst von einem Transportprotein aus dem Speichel, dem Haptocorrin, abgefangen und durch den sauren Magen geleitet. Im Dünndarm angekommen, schneiden Enzyme der Bauchspeicheldrüse dieses Begleiterprotein auf, und das Vitamin wird erneut frei. An dieser Stelle ist die Bauchspeicheldrüse ein stiller Mitspieler: Bei Funktionsstörungen kann die Aufnahme leiden, ohne dass der Magen etwas dafür kann.

Vierte Übergabe: der Intrinsic Factor

Jetzt tritt die eigentliche Schlüsselfigur auf. Spezielle Zellen der Magenschleimhaut bilden ein Glykoprotein, den Intrinsic Factor, das B12 im oberen Dünndarm bindet. Der Komplex wird am Ende des Dünndarms, im terminalen Ileum, von Rezeptoren erkannt und aufgenommen. Ist die Bildung des Intrinsic Factors autoimmunbedingt gestört, kann sich durch den B12-Mangel eine perniziöse Anämie entwickeln. Auch nach bestimmten Magenoperationen oder bei Erkrankungen des terminalen Ileums kann die Aufnahme beeinträchtigt sein. Die Ursachen sind unterschiedlich, selbst wenn sich im Blut ähnliche Veränderungen zeigen. Ein kleiner Teil des Vitamins kann auch ohne diesen Weg passiv aufgenommen werden, doch das ist für die Versorgung aus normalen Lebensmitteln wenig bedeutsam.

Fünfte Übergabe: Transport und Speicher

In der Darmzelle wird B12 an weitere Transportproteine weitergereicht und gelangt über das Blut in die Gewebe. Die Leber legt einen erheblichen Vorrat an und schickt einen Teil mit der Galle zurück in den Darm, wo er erneut aufgenommen werden kann. Dieser Kreislauf ist sparsam, und er hat eine praktische Folge: Ein Mangel entsteht oft sehr langsam, über Jahre, weil zunächst Reserven aufgebraucht werden. Das kann trügerisch sein, denn wer sich lange gut fühlt, kann später plötzlich Symptome entwickeln, die schwer zu deuten sind.

Was ein Mangel anrichten kann

B12 wird für die Zellteilung und die Blutbildung gebraucht und für die Funktion des Nervensystems. Ein Mangel kann zu einer besonderen Form der Blutarmut führen, zu Müdigkeit und Blässe, aber auch zu Missempfindungen wie Kribbeln, zu Gangunsicherheit oder Gedächtnisproblemen. Nervenschäden können, wenn sie lange unbemerkt bleiben, bleibend sein. Das ist der Grund, warum die Fachwelt B12 so ernst nimmt, und auch, warum Beschwerden mit ärztlicher Abklärung statt mit eigenen Vermutungen angegangen werden sollten. Die Diagnose stützt sich auf Laborwerte, die Ihre Praxis einordnen kann; die Behandlung eines festgestellten Mangels legt ebenfalls die Praxis fest.

Woher B12 ursprünglich stammt

Weder Pflanzen noch Tiere stellen B12 selbst her. Es wird von Mikroorganismen gebildet, vor allem von Bakterien. Rinder und Schafe beziehen es über die Bakterien in ihrem Pansen, und es reichert sich in ihrem Fleisch, ihrer Leber und ihrer Milch an. Auch Eier und Fisch enthalten es. Für den Menschen sind daher tierische Lebensmittel die zuverlässigen Quellen. Auch bei einem Lebensmittel aus tierischer Herstellung hängt der Gehalt davon ab, welches Gewebe oder welcher Bestandteil gegessen wird. Eine Leber übernimmt im Tier eine Speicherfunktion. Milch erfüllt eine andere Aufgabe und liefert pro Portion eine andere Menge.

Pflanzliche Ernährung: Was gesichert ist

In pflanzlichen Lebensmitteln ist B12 nicht verlässlich vorhanden. Fermentierte Produkte, Algen oder Pilze werden gelegentlich als Quellen genannt, doch ihre Gehalte schwanken stark, und manche enthalten Verbindungen, die dem Vitamin ähneln, vom Körper aber nicht genutzt werden können. Sie verfälschen im ungünstigen Fall sogar Messungen. Deshalb gilt in der Fachwelt als gesichert: Bei veganer Ernährung empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung die dauerhafte Einnahme eines Vitamin-B12-Präparats. Angereicherte Lebensmittel können zusätzlich zur Versorgung beitragen. Eine qualifizierte Beratung hilft, die Versorgung zu planen und regelmäßig überprüfen zu lassen. Das ist keine Kritik an pflanzlicher Ernährung, sondern eine nüchterne Folge dessen, woher das Vitamin kommt. Wie genau eine Ergänzung aussehen soll, lässt sich nur individuell festlegen.

Eine Tabelle richtig lesen

Nährwerttabellen listen B12-Gehalte in Mikrogramm. Daraus ersehen Sie, dass Leber, Fisch, Eier und Milchprodukte hohe Werte haben und pflanzliche Lebensmittel fast keine. Die Tabelle sagt aber nichts über die Aufnahme. Ein Joghurt und eine Portion Leber unterscheiden sich in der Menge, doch ob Ihr Körper das Enthaltene verwerten kann, hängt von den fünf Übergaben ab. Für Menschen mit gesundem Magen und Darm ist das kein Problem. Für Menschen mit Vorerkrankungen oder nach Operationen kann eine reich gedeckte Tafel dennoch nicht genügen.

Was daraus folgt

Wer den Weg des Vitamins kennt, versteht, warum es keine Faustregel wie „Ich esse genug davon“ gibt. Bei Verdacht auf eine Aufnahmestörung, bei Beschwerden, die ins Bild passen, und bei langfristig pflanzlicher Ernährung ist der Gang zur Praxis sinnvoller als jede Eigendiagnose. Der Staffellauf läuft bei den meisten Menschen unbemerkt und zuverlässig. Aber wenn er stolpert, ist es gut, die Stationen zu kennen.

Quellen zum Weiterlesen

Deutsche Gesellschaft für Ernährung – Referenzwerte

National Institutes of Health – Fachinformation (Englisch)